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Untergehende Sonne in der Abendstille ©Alfred Borchard/pixelio.dePalliativmedizin – dem Leben nicht mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben geben

Sich vom Leben verabschieden zu müssen ist nicht nur für den Sterbenden selbst, sondern auch für dessen Angehörige, schwer. Die Palliativmedizin will Sterbenden die verbleibende Lebenszeit erleichtern. Dass dabei nicht im Vordergrund steht, dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben zu geben, wirkt sich auch tröstend für Angehörige aus.

 Aus diesem Grund möchten wir Sie in diesem Ratgeber über die Palliativmedizin und ihre Möglichkeiten informieren:

 

Sterben nicht leichter, aber erträglicher machen

In der Palliativmedizin geht es in erster Linie darum, schwer kranken Menschen so lange wie möglich ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen und unnötiges Leid zu ersparen. Der Kranke soll in Würde sterben dürfen, was schon die 1918 in England geborene Ärztin Cicely Saunders, die als Begründerin der Palliativmedizin betrachtet wird, betonte.

Die klassische Medizin hat den Zweck, Menschen von ihren Krankheiten zu heilen. Wenn jedoch die Mittel der klassischen Medizin nicht mehr ausreichen und von einer Heilung nicht mehr gesprochen werden kann, tritt die Palliativmedizin in Erscheinung. Der Fokus liegt dann nicht mehr auf Behandlung, sondern auf Unterstützung und Erhöhung der Lebensqualität in den letzten Monaten, Wochen oder lediglich Tagen.

Aus diesem Grund hat in der Palliativmedizin auch der Patient das Sagen. Sein Wille ist ausschlaggebend dafür, wie der involvierte Palliativmediziner letztendlich handelt. Steht zum Beispiel eine aggressive Chemotherapie an, wägt der Palliativarzt gemeinsam mit dem Patienten das Für und Wider ab und gibt ihm Mut, sich bei wahrscheinlich wenig Nutzen der Therapie auch ganz bewusst gegen eine weitere Behandlung zu entscheiden. Dabei grenzt sich die Palliativmedizin deutlich von der Sterbehilfe ab, die sich ausnahmslos mit dem Sterben auf Wunsch beschäftigt. Die Palliativmedizin beschäftigt sich jedoch hauptsächlich mit dem bis zum nahestehenden Tod verbliebenen Leben.

Die Palliativmedizin kann also als eine Krankheitsbegleitung betrachtet werden, die unheilbar Kranken die Situation um die eigene Endlichkeit erleichtert.

 

Die Säulen der Palliativmedizin

Die Palliativmedizin geht weit über das hinaus, was die Schulmedizin leistet. In der Palliativmedizin gibt es nicht nur den medizinischen, sondern auch einen psychosozialen und spirituellen Aspekt. Der Patient wird ganzheitlich betrachtet und behandelt. Aus diesem Grunde setzt sich ein Palliativ-Team auch immer aus Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen. In der Regel arbeiten Palliativärzte mit entsprechend geschulten Krankenschwestern, Palliativpflegern, Physiotherapeuten, Psychologen, Sozialarbeitern und Seelsorgern zusammen.

Aus medizinischer Sicht werden zunächst die Symptome des Patienten gelindert, was nicht selten durch eine medikamentöse Schmerztherapie geschieht. Aber auch Symptome wie Atemprobleme, Übelkeit, Angstzustände und Appetitlosigkeit werden berücksichtigt und therapiert.

Über die Behandlung der körperlichen Beschwerden hinaus werden die seelischen Probleme, die mit einem nahenden Ableben einhergehen, in den Fokus gesetzt. Häufig entwickeln sterbende Patienten Depressionen, weshalb auch Psychologen und Seelsorger in die Arbeit der Palliativmedizin mit eingebunden werden. Diese sind da, damit die Patienten beispielsweise ihre letzten Dinge regeln möchten oder Frieden mit ihrem Glauben machen wollen. Dies sind häufig Wünsche, die auch ansonsten wenig religiöse Menschen kurz vor ihrem Tod äußern.

Die Sozialarbeiter aus dem Palliativ-Team helfen den Patienten in Rechtsfragen weiter. Sie unterstützen bei der Erstellung von Patientenverfügungen, Vorsorgevollmachten und bei der Organisation anderer Angelegenheiten.

 

Schmerztherapie in der Palliativmedizin

Die Palliativmedizin ist dazu da, dem bald sterbenden Menschen Schmerzen zu nehmen und Symptome zu lindern. Häufig sind die Erkrankungen so schwerwiegend, dass „übliche“ Schmerzmittel dafür kaum noch ausreichen, weshalb dann zu Opioiden – genauer – zu Morphium gegriffen werden muss. Leider ist Morphium in der Öffentlichkeit als eine schlimme Droge verrufen, die süchtig macht und mit weiteren zahlreichen Mythen verbunden ist.

 Mohnpflanze©Rosel Eckstein/pixelio.deRichtig ist, dass Samenkapseln der Mohnpflanze zur Gewinnung von Opium genutzt werden, dessen Hauptbestandteil Morphin ist. Diese Opioide können jedoch sehr gut zur Therapie von starken Schmerzen und Luftnot eingesetzt werden. In richtiger Dosis angewandt und während der Behandlung kontrolliert zögern Opioide das Sterben weder hinaus, noch beschleunigen sie den Eintritt des Todes. Auch wenn Morphium in den Augen vieler mit den letzten Tagen im Leben verknüpft ist, hat es als Schmerzmittel vielen Patienten über Jahre das Leben erleichtert.

Morphium führt auch nicht zwangsläufig zur psychischen Abhängigkeit und muss für eine optimale Wirkung auch nicht kontinuierlich höher dosiert werden. Bei längerem Gebrauch von Opioiden kann es zwar zu einer Abhängigkeit mit Entzugserscheinungen kommen, was jedoch ein Palliativmediziner in der Regel zu verhindern weiß. Opioide sind die stärksten Schmerzmittel, die beispielsweise auch dann noch helfen, wenn sich bei Krebserkrankungen Metastasen im Körper und insbesondere in den Knochen verbreiten. Auch die chemischen Verwandten des Morphiums, beispielsweise Buprenorphin, Fentatyl und Oxycodon zeigen bei schwersten Erkrankungen noch Wirkung.

Ganz im Gegenteil der öffentlichen Meinung gelten fachkundig eingesetzte Opioide als sicher und gut geeignet, Schmerzzustände, Luftnot und Angst zu lindern. Insbesondere die Luftnot ist mit einer Angst vor dem Ersticken verbunden, was zu den Urängsten der Menschheit gehört. Hier hat die Palliativmedizin mit Opioiden ein verlässliches Handwerkszeug zur Hand.

 

Palliativmedizin ist keine aktive Sterbehilfe

In den letzten Stunden des Lebens, der sogenannten Terminalphase, bieten die Medikamente den Palliativmedizinern auch die Möglichkeit der bewusstseinsmindernden Sedierung, um ein sanftes Hinübergleiten in den natürlichen Tod zu ermöglichen. Dass der Tod in diesen Fällen unmittelbar bevorsteht, können Palliativmediziner anhand ihrer Erfahrung und Ausbildung sehr gut einschätzen. Über die Anzeichen, dass der Sterbeprozess eingesetzt hat, hatten wir im Artikel Sterben im eigenen Zuhause bereits berichtet. Und dennoch entscheidet ein Palliativteam in derartigen Fällen nicht allein. Die Behandlung am Lebensende wird gemeinsam zwischen Palliativärzten, Psychologen, Pflegern und Angehörigen erörtert.

Die palliative Sedierung ist einer der letzten Therapieoptionen am Ende eines Lebens, aber auch bei unstillbarem Leid keine vorzeitige Beendigung des Lebens.

Steht der Tod unmittelbar bevor, wird das Palliativteam die Angehörigen darüber informieren und ihnen die Möglichkeit geben, sich zu verabschieden. Diese Verabschiedung ist nicht nur für den Sterbenden wichtig, sondern hilft auch seinen Hinterbliebenen bei der Trauerarbeit.

 Herbstlaub©Rainer Sturm/pixelio.de

Palliative Versorgung in einem Hospiz

Häufig wird eine palliative Begleitung in einem Hospiz angeboten. Hospize sind unabhängig von den Kliniken, mit denen sie kooperieren. Sie beschäftigen eigene Mitarbeiter und geschulte Ehrenamtliche, die sich um die schwerkranken Patienten kümmern. Neben den stationären Hospizen haben sich mittlerweile auch ambulante Dienste etabliert. In fast allen Einrichtungen wird eine palliative Versorgung angeboten.

Auch Krankenhäuser haben heute oft eine eigene Palliativstation. Diese Stationen sind jedoch eher für akute Krisensituationen zuständig, beispielsweise bei einer starken Verschlechterung des Gesundheitszustandes, bei Schmerzen oder bei Luftnot. Auch wenn es nicht immer möglich ist, haben Palliativstationen in Krankenhäusern das Ziel, den Patienten wieder entlassen zu können – entweder nach Hause, in ein Pflegeheim oder in ein Hospiz.

Die Kosten für eine palliative Versorgung übernehmen überwiegend die Krankenkassen, was sowohl für die ambulante als auch stationäre Behandlung gilt.

 

Palliative Versorgung zu Hause

Ein Großteil der Menschen wünscht sich, zu Hause zu sterben. Die gewohnte und liebgewonnene Umgebung bietet Sicherheit und für Angehörige ist es ebenfalls leichter, den Sterbenden in seinem gewohnten Umfeld zu besuchen.

Die Versorgung eines sterbenden Menschen ist für Familienangehörige enorm schwer. Nicht selten leiden sie unter dem Gefühl, an der psychischen Last zu zerbrechen. Bei einer 24-Stunden-Betreuung ist hingegen der emotionale Verbund nicht so ausgeprägt und trotzdem ist stets ein Ansprechpartner vor Ort. Zusätzlich kann dieses Betreuungskonzept mit einer spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) kombiniert werden. Ein SAPV-Team ist rund um die Uhr erreichbar, um den Patienten intensiv auch zu Hause zu betreuen. Auch die Versorgung durch Apotheken, Psychologen, Seelsorgern und Physiotherapeuten kann so gewährleistet werden, um die Lebensqualität bis zum letzten Atemzug auf einem hohen Niveau zu halten.

Gleiches gilt für ambulante Hospizdienste, die häufig mit Ehrenamtlichen arbeiten. Die geschulten Ehrenamtlichen stehen dem Patienten und seinen Angehörigen zur Verfügung, sprechen über Sorgen, sind einfach da und helfen den Familienangehörigen auch dann in ihrer Trauer weiter, wenn der Patient verstorben ist. Alle ambulanten Dienste können mit einer 24-Stunden-Betreuung kombiniert werden und greifen nahtlos Hand in Hand ineinander, um dem Betreuten ein Leben und Sterben in Würde zu ermöglichen.

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