Immer mehr Mängel in Pflegeheimen

Mängel in Pflegeheimen

Liebe Leserinnen und Leser!

Es gibt Tage, da liest man am Morgen die Nachrichten und möchte schon nach wenigen Minuten Zeitung, Tablet oder Smartphone wieder weglegen – und zwar ganz weit weg! Neben den seit mehr als zwei Jahren andauernden Corona-Zahlen verfolgen wir jetzt seit über drei Monaten zusätzlich das schlimme Kriegsgeschehen in der Ukraine. In den letzten Wochen wurden jedoch auch Meldungen veröffentlicht, dass die Würde des Menschen auch direkt vor unserer Haustür längst nicht immer gewahrt wird. Wieder wird davon berichtet, dass in einigen Pflegeheimen und Seniorenheimen katastrophale Zustände herrschen.

Miserable Versorgung von Pflegebedürftigen

In einem Seniorenstift in Passau kam es erneut zu einem Heimskandal. Nach Angaben des Bayerischen Rundfunks war dies sogar der dritte Vorfall, der innerhalb kürzester Zeit von der BR Redaktion aufgedeckt werden konnte. Befragt wurden u.a. ehemalige Mitarbeiter, die das Wohnstift in Neuhaus am Inn mit einem Gefängnis verglichen. Zwar hätten es Senioren, die sich noch selbstversorgen könnten, noch ganz gut in der Einrichtung, aber Pflegebedürftige würden unter den Umständen vor Ort massiv leiden. Ehemalige Mitarbeiter und Angehörige beklagten, dass pflegebedürftige Senioren nicht fachgerecht gelagert wurden. Teilweise hätten Bewohner des Pflegeheims über Stunden in ihren eigenen Exkrementen liegen müssen. Das Ergebnis hiervon waren offene Wunden und Schmerzen. Auch das Verabreichen von Nahrung und Getränken wurde vernachlässigt, weil sich kaum jemand dafür die Zeit nehmen konnte oder wollte. Was Pflegebedürftige dort sonst noch erlebt haben, wird womöglich nie die Öffentlichkeit erreichen.

Dem Bayerischen Rundfunk liegen zahlreiche Fotos aus der Einrichtung vor, deren Anblick verstörend sein muss. Dokumentiert wurden offene Wunden mit sichtbaren Knochen, entzündete Hautstellen und Augen, ungepflegte Nägel sowie die Spuren von Stuhlgängen auf Fußböden und an Pflegebetten. Diese Fotos wurden Pflegewissenschaftlern vorgelegt, die sich wegen der menschenunwürdigen Pflege fassungslos äußerten. Auf die Pflegewissenschaftler wirkten die Pflegebedürftigen auf den Fotos bereits unterernährt und dehydriert. Viele ehemalige Mitarbeiter beklagten Personalmängel bei den Pflegefachkräften, was sich auch aus nicht-öffentlichen behördlichen Berichten ergibt, die der BR Redaktion ebenfalls vorliegen. Laut der Heimaufsicht wurde bei den Kontrollen die 50 %-ige Fachkraftquote nicht erfüllt.

Keiner tut etwas?

Die Missstände wurden sowohl von Familienmitgliedern der Heimbewohner als auch von Mitarbeitern der Heimaufsicht gemeldet. Genauer wurde die FQA Fachstelle für Pflege und Behinderteneinrichtungen, Qualitätsentwicklung und Aufsicht des Landkreises Passau mehrfach informiert. Reagiert wurde darauf eher selten, beispielsweise im Dezember 2021, in dem die Heimleitung um eine schriftliche Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten wurde. Gegenüber der BR Redaktion wurden ohne eine weitere Äußerung aber erhebliche Mängel in der Einrichtung und das Fehlen von Kontrollen zwischen Juli 2019 bis März 2022 eingeräumt.

Anonyme Meldungen an das Pflege-SOS, einer im Landesamt für Pflege integrierten Meldestelle, hatten dann am 21.03.2022 endlich einen prüfenden Besuch der Heimaufsicht in der Seniorenresidenz zur Folge. Der Prüfbericht der Heimaufsicht bestätigt alle Vorwürfe von Angehörigen und Mitarbeitern. Die Prüfung hat einen massiven Einbruch im Bereich der Ergebnisqualität in der Pflege aufgezeigt. Schwerwiegende Mängel wurden festgestellt, die die Lebensqualität und die Sicherheit der Bewohner nachhaltig beeinträchtigen. Seitdem dürfen keine neuen Bewohner mehr aufgenommen werden. Neben dem Aufnahmestopp wurde eine Mitarbeiter-Fortbildung zum Thema "Gewalt in der Pflege" durchgeführt, was schlicht nicht ausreicht. Da sich an der Situation der Heimbewohner also nichts geändert hat, wandten sich einige Pflegekräfte an den Bayerischen Rundfunk. Unter diesem Druck wurden erneut Kontrollen im Heim durchgeführt und wiederum erhebliche Mängel festgestellt.

Erst in der letzten Mai-Woche durften Reporter des Bayerischen Rundfunks sich selbst ohne Kamera und Mikrofon einen Einblick über das Wohnstift verschaffen. Die extra dafür zur Verfügung gestellten Gänge und Zimmer wurden vorher gründlich gereinigt und sogar gestrichen. Drei vorab ausgewählte Bewohner durften den Reportern Rede und Antwort stehen – um ihre Zufriedenheit kundzutun! Die Heimleitung wies sämtliche Vorwürfe zurück. Nur Probleme mit der Dokumentation wurden eingeräumt und zugleich am Computersystem festgemacht. Alles war mehr Schein als Sein.

Zuständigkeiten und Lösungen nicht in Sicht

Weder Landrat noch Gesundheitsminister des Landkreises Passau wollten sich zu den Vorwürfen äußern. Vom Gesundheitsministerium erhielt der Bayerische Rundfunk lediglich einen schriftlichen Hinweis, dass der beschriebene Fall in dem Altenheim doch nachdrücklich die Sinnhaftigkeit einer Anlaufstelle wie das Pflege-SOS bestätigen würde. Das dass Pflege-SOS als Meldeweg oder Sorgentelefon funktioniert, bestätigt auch die Pflegewissenschaft. Allerdings landen alle eingegangenen Beschwerden wiederum im gleichen Aufsichtsapparat und dort fehlt es an schnellen Entscheidungen und konsequenten Handlungen. Schlechte und gefährliche Pflege muss sofort gestoppt werden. Alte und kranke Menschen müssen mehr unter Schutz gestellt werden!

Die oben geschilderten Zustände sind leider kein Einzelfall. Immer wieder gibt es Berichte über massive Missstände in Pflege- und Seniorenheimen. Der Bayerische Rundfunk hatte kurz zuvor bereits über ähnlich gelagerte Vorfälle in Augsburg und Schliersee berichtet. Nach dem Augsburger Pflegeheim-Skandal mussten alle Bewohner verlegt werden und die Seniorenresidenz Schliersee wurde zwischenzeitlich geschlossen. Auch Pflegewissenschaftler regen mittlerweile an, die pflegerische Versorgung in deutschen Altenheimen systematisch zu untersuchen. Gründe hierfür gibt es wahrscheinlich genug.

Problem Fachkräftemangel in der Pflege

Dass es im Bereich der Pflege an Fachkräften und Hilfskräften fehlt, dürfte jedem bekannt sein. Ganz deutlich wurde der Pflegenotstand noch einmal in der Corona-Pandemie. Nach Angaben des IW Institut der deutschen Wirtschaft fehlten in keinen anderen Berufen im Jahresdurchschnitt 2020/2021 so viele Fachkräfte wie in der Krankenpflege und Altenpflege. Durch die Auswirkungen des demografischen Wandels wird die Zahl der Pflegebedürftigen jedoch weiter zunehmen, sodass mit einer kontinuierlichen Nachfrage an Pflegekräften gerechnet werden muss. Dafür müsste aber der Beruf der Pflegefachkräfte attraktiver gestaltet werden, was nur auf politischem Terrain erreicht werden könnte.

Pflege kostet Geld und genau das ist der Punkt, an dem es scheinbar weh tut. Der Kostendruck nimmt derart zu, dass es in der stationären Pflege nicht mehr gelingt, mit Kostenträgern die Strukturen, Rahmenbedingungen und Qualitätsstandards einvernehmlich festzulegen. Einrichtungen leiden unter wenig gesellschaftlicher Anerkennung und bekommen kaum noch Personal. Noch mehr Menschen leiden an einer Demenz oder liegen im Sterben, was die Anforderungen an Pflegekräfte in Alten- und Pflegeheimen um ein Vielfaches erhöht. Haben sie keine Kollegen, die ihnen mal den Rücken freihalten können, bleibt ihnen nur wenig Zeit, um sich richtig um Bewohner im Heim zu kümmern. Personaleinsatz, Personalplanung und Personalmenge stehen in keinem Verhältnis mehr.

Alternativen in der häuslichen Pflege

Falls ein nahes Familienmitglied betreuungs- und pflegebedürftig wird, sollten alle Möglichkeiten der Pflegelandschaft in Erwägung gezogen werden. Wenn die Familie selbst keine Betreuung und Pflege übernehmen kann, gibt es mit der stundenweisen Betreuung eine flexible Unterstützung für den Alltag. Ist der Betreuungsbedarf jedoch umfangreicher, dann kann auch eine 24 Stunden Betreuung in Betracht kommen. Als Betreuungskonzept aus dem Bereich der häuslichen Pflege ist eine 24 Stunden Betreuung immer dann möglich, wenn es der Gesundheitszustand erlaubt. Senioren, Kranke und Pflegebedürftige, die nicht kontinuierlich auf eine medizinische Behandlungspflege angewiesen sind, können sich in der Regel zu Hause versorgen lassen.

Die eingesetzten Betreuungs- und Pflegekräfte dürfen zwar hauswirtschaftliche Aufgaben und Maßnahmen aus der Grundpflege durchführen, bieten jedoch keine medizinischen bzw. pflegerischen Behandlungen wie Injektionen oder Wundversorgungen an. Diese Aufgaben könnte jedoch ein ambulanter Pflegedienst übernehmen, was sich mit der 24 Stunden Betreuung optimal kombinieren lässt. Auf diese Weise konnte bereits vielen Familien geholfen und Umzüge in ein Pflege- oder Altenheim vermieden werden.

Kommt aber wegen des Gesundheitszustandes nur ein Alten- oder Pflegeheim in Betracht, dann empfiehlt sich trotz der akuten Knappheit an Heimplätzen ganz genau hinzuschauen. Lesen Sie Erfahrungsberichte über das Heim, erkundigen sich bei Beratungsstellen und sehen sich die Pflegeeinrichtung selbst an. Und auch nach dem Einzug sollte die Pflegequalität durch regelmäßige Besuche immer wieder kontrolliert werden.
Bis zum nächsten Mal und bleiben Sie gesund!

Ihr Team
von CareWork & SHD

1 Kommentar

  1. Rudolf Schumacher
    15. Juli 2022

    Sehr geehrte Damen und Herren von CareWork&SHD,
    in Ihrem Artikel vom Juni 15. 2022 schreiben Sie als letzten Satz „Und auch nach dem Einzug sollte die Pflegequalität durch regelmäßige Besuche immer wieder kontrolliert werden“. Das klinkt toll! Aber was machen Sie, wenn weder die Heimleitung noch die Stationsschwester auf Ihre Beschwerden reagiert? Die Stationsschwester riecht noch nicht einmal, dass es in dem Zimmer nach Urin riecht, Kot auf dem Boden verteilt ist. Das ist nur ein Beispiel von sehr vielen, was eine Bekannte von mir persönlich erfahren musste. Hier gibt es eine wirklich lange Liste mit all den Verfehlungen dieses Heims. Auch wurde selbst erlebt, wie auch in anderen Berichten oft zu lesen ist, dass eine, vorher angekündigte Kontrolle des MKD’s stattgefunden hat. Dies ist Vergleichbar mir einer Radarkontrolle, wo ca. 200 Meter vorher ein Schild steht, Achtung Radarkontrolle in 200 Meter. Ist so etwas vorstellbar, ein klares „NEIN“. Aber beim MKD gängige Praxis. Und es geht so munter weiter, die Einen leiden unendliches Leid und die Anderen stopfen sich lachend die Taschen voll. So geschehen in unserem reichen Deutschland, nicht in irgendeiner „Bananenrepublik“. Mir ist einfach nur schlecht!!!!!!!!!!!!!!!!

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