Mehr Unterstützung für pflegende Angehörige

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Liebe Leserinnen und Leser!

Wenn von „Deutschlands größtem Pflegedienst“ gesprochen wird, sind die vielen pflegenden Angehörigen damit gemeint, die sich Tag für Tag aufopferungsvoll um ihre Lieben kümmern. Millionen Menschen werden im eigenen Zuhause von ihren Kindern, Enkeln, Eltern oder auch Geschwistern gepflegt. Pflegende Angehörige geraten jedoch durch Bürokratie und Doppelbelastung schnell an ihre Grenzen.

Etwa 3,3 Millionen pflegebedürftige Menschen werden in Deutschland zu Hause von Familienangehörigen versorgt und gepflegt. Dass es pflegenden Angehörigen gesundheitlich, finanziell oder beruflich dabei nicht sonderlich gut geht, wird schon lange vermutet. Was aber die aktuelle Studie des VDK Sozialverbandes Pflege zu Hause festgestellt hat, zeichnet weit größere Probleme auf. Es müssen schnellstmöglich Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Angehörigen eine liebe- und würdevolle Pflege ermöglichen.

Situation pflegender Angehöriger

Die Untersuchung des VDK zeichnet zum ersten Mal ein umfassendes Bild der häuslichen Pflege durch Angehörige. Bislang gab es keine aussagekräftigen Daten über die Situation von pflegenden Angehörigen. Auch das Statistische Bundesamt erfasst eher die Pflegebedürftigen als die pflegenden Angehörigen. Da die gesetzliche Pflegeversicherung in erster Linie Leistungen für die Pflegebedürftigen erbringt, fokussieren sich nahezu alle Debatten auf stationäre Pflegeheime und nicht auf das, was bei den Pflegebedürftigen zu Hause geschieht.

Überlastung und Überforderung an der Tagesordnung

Bei der Studie des VDK haben über 56.000 der 2,1 Millionen Mitglieder mitgewirkt, um mit den alarmierenden Ergebnissen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach auf die Situation vieler pflegender Angehöriger aufmerksam zu machen.

Mehr als ein Drittel aller pflegender Angehöriger leidet unter extremen Belastungen, sodass die Pflege kaum noch oder nur mit Mühe bewältigt werden kann. Sogar zwei Drittel der befragten Pflegenden leidet jeden Tag unter körperlichen Beschwerden: Schmerzen, Schlafstörungen und sogar Depressionen gehören zur Tagesordnung. Die überwiegende Mehrheit pflegender Angehöriger gibt sogar zu, wegen der Angehörigenpflege die eigene Gesundheit vernachlässigen zu müssen. Es kann also sein, dass pflegende Angehörige irgendwann wegen der Pflege selbst krank werden. Geschieht dies, leiden die jeweiligen Pflegebedürftigen gleich mit. Ihr psychischer und gesundheitlicher Zustand ist dann labil.

Zu wenig Geld

Die finanzielle Situation pflegender Angehöriger kann als prekär bezeichnet werden. Das von der Pflegekasse an die Pflegebedürftigen in häuslicher Pflege ausgezahlte Pflegegeld reicht nicht für die Deckung der Pflegekosten aus. Nur selten gibt es Lohnersatzleistungen wie beim Elterngeld, wenn sich Familienangehörige um andere kümmern.

Ein wenig Entlastung könnten Unterstützungsleistungen wie Kurzzeitpflege, Tagespflege oder Verhinderungspflege bieten. Die Hürden für diese Leistungen empfinden viele pflegende Angehörige jedoch als so hoch, dass eher darauf verzichtet wird. Leistungen aus der Pflegeversicherung sind noch immer an den Pflegegrad gebunden. Bezogen werden können feste Sätze für Leistungen wie die Tagespflege oder den jährlich bzw. monatlich gewährten Entlastungsbetrag. Sind diese Leistungsbeträge erst einmal ausgeschöpft, kommen neue Leistungen erst dann wieder in Betracht, wenn der entsprechende Zeitraum vorüber ist. Einige Leistungen verfallen ersatzlos, wenn das Budget im jeweiligen Monat nicht verbraucht wurde, sofern kein Antrag auf Kombination von Leistungen gestellt wird. Für viele Familien ist diese bürokratische Organisation zu kompliziert. Dies insbesondere dann, wenn eine akute Situation eintritt und ein pflegender Angehöriger beispielsweise selbst wegen Krankheit ausfällt. Nach Angaben des VDK werden deshalb pro Jahr mindestens zwölf Milliarden Euro für die Ersatz- und Verhinderungspflege nicht abgerufen.

Auch kann sich die Pflege eines Angehörigen im Alter negativ auswirken. Leider werden Pflegezeiten nicht immer von der Rentenversicherung anerkannt. Dies hat zur Folge, dass die Rentenansprüche geringer ausfallen.

Im Bürokratie-Dschungel

Im Alltag werden pflegende Angehörige häufig mit verwirrenden Vorgaben und Regelungen konfrontiert. Für viele Bereiche müssen Anträge ausgefüllt und innerhalb bestimmter Fristen gestellt werden, die Laien kaum verstehen. Bei den Trägern dauert die Bearbeitung dann aber sehr lange und nicht selten werden Leistungen in Teilen willkürlich miteinander verrechnet. Ein Beispiel aus der Praxis: Die Finanzierung eines Pflegebettes wird zunächst von der Kasse verwehrt. Erst nach einem Verfahren vor dem Sozialgericht kommt es zum Erfolg. Entweder müssen Pflegebedürftige und ihre Angehörigen so lange auf das benötigte Pflegebett warten, oder aber die Kosten dafür zunächst selbst aufbringen und später wahrscheinlich finanzielle Einbußen bei der Rückerstattung in Kauf nehmen.

Pflegebedürftige müssen für eine adäquate häusliche Pflege in der Regel hohe private Zuzahlungen leisten, die sich nicht jede Familie erlauben kann. Kurzzeitpflege-Plätze sind so rar, dass sich Anbieter wegen der enormen Nachfrage aussuchen können, wer ein profitabler Kunde ist. Alle anderen bleiben dann außen vor.

Die manchmal fragliche Bürokratie macht sich auch beim Entlastungsbeitrag bemerkbar: Bei Pflegegrad 1 haben Pflegebedürftige theoretisch einen Anspruch auf 125,00 € pro Monat für Alltagshilfen wie Einkaufs- oder Haushaltshilfen. Abrechnen dürfen Pflegekassen aber nur mit anerkannten Dienstleistern, statt mit hilfsbereiten Nachbarn, Verwandten oder Freunden. Für ambulante Pflegedienste rechnet sich der Aufwand für einen Einsatz für 125,00 € oftmals nicht. Pflegenden Angehörigen fehlen jedoch häufig Zeit, Kraft und auch finanzielle Mittel, um für ihre eigenen und die Rechte der von ihnen versorgten Pflegebedürftigen zu kämpfen.

Von CareWork & SHD wird übrigens regional rund um Stuttgart, Ludwigsburg und Dortmund eine stundenweise Betreuung angeboten, die zu den anerkannten Alltagsunterstützungen gem. § 45 a SGB XI zählt und über den Entlastungsbetrag direkt mit den Kassen abgerechnet werden kann.

Pflegenotstand betrifft auch pflegende Angehörige

Wenn die demografischen Prognosen eintreten, dann steuert Deutschland volle Fahrt auf die Verschärfung des Pflegenotstands zu. Der Anteil der Senioren und Pflegebedürftigen wird auch in Zukunft ansteigen. Statistiken gehen davon aus, dass sogar bis zu sechs Millionen Menschen im Jahr 2030 pflegebedürftig sind. Wo sollen diese Pflegebedürftigen alle versorgt werden? Stationäre Einrichtungen und Heime arbeiten jetzt schon am Limit; sowohl finanziell als auch personell. Steigende Personalkosten und der allgegenwärtige Fachkräftemangel in der Pflege schreckt Heimbetreiber von der Errichtung neuer Einrichtungen ab. Ohne die häusliche Pflege und Konzepte wie die 24 Stunden Betreuung wird es nicht funktionieren. Deshalb braucht die häusliche Pflege überarbeitete, bessere und gute Rahmenbedingungen!

Politische Pläne für die häusliche Pflege sind eher dürftig

Die Ampel-Koalition hat angekündigt, die Rahmenbedingungen in der häuslichen Pflege zu optimieren. Im Koalitionsvertrag befinden sich Ideen wie transparente, flexible und unbürokratische Entlastungsbudgets. Es soll weniger Bürokratie herrschen, damit Pflegebedürftige schneller und individueller unterstützt werden können. Die Pläne sehen derzeit aber nur vor, dass die Bedingungen für die Kurzzeitpflege und Verhinderungspflege zusammengefasst werden. Dieser Schritt wäre jedoch zu wenig, um bei Familien in der häuslichen Pflege tatsächlich für Entlastung zu sorgen.

Die Tagespflege müsste radikal ausgebaut werden, damit Senioren und Pflegebedürftige zur Entlastung ihrer Angehörigen über Tag betreut werden können. Hier müsste in etwa so viel Motivation und Engagement aufgebracht werden, wie auch beim Ausbau von Kitas, Krippen oder Ganztagsschulen. Hätte jeder Pflegebedürftige einen Anspruch auf einen Tagespflege-Platz, dann könnten pflegende Angehörige weiterhin arbeiten gehen. Sie würden mehr Geld verdienen und müssten ihre Berufstätigkeit nicht ganz aufgeben oder stark einschränken. Hiervon würde auch die Sozialversicherung bzw. Pflegeversicherung profitieren, da sie zum Abbau des aktuellen Milliardendefizits mehr Beiträge erhalten würde.

Wünschenswert wäre ein Budget für die häusliche Pflege, aus dem die Familie flexibel und kurzfristig die notwendigen Leistungen schöpfen könnte. Bedürfnisse und Ansprüche sind immer individuell zu betrachten. Während die eine Familie vielleicht eine Kurzzeitpflege benötigt, möchte sich eine andere Familie durch eine Einkaufshilfe oder Haushaltskraft entlasten lassen. Die Pflege von behinderten Kindern kann schließlich auch nicht mit der Pflege eines Elternteils mit Demenz verglichen werden. Es sollte den Familien also gewährt werden, selbst über ihr Budget zu bestimmen und das Geld für die Leistungen zu verwenden, die gerade notwendig sind.

Wer bezahlt die häusliche Pflege?

Änderungen in den Rahmenbedingungen kosten Geld – und das in Zeiten, in denen der Haushalt sowieso schon unter extremer Spannung steht. Teuer wird es aber sowieso, was mit dem sicheren Anstieg an Pflegebedürftigen verbunden ist. Umso sinnvoller erscheint da der Gedanke, sich schon jetzt um eine wirtschaftliche und effiziente Finanzierung zu kümmern. Über die Pflegeversicherung wird aktuell nur ein Teil der Pflegekosten abgedeckt. Als Teilversicherung erhält die Pflegeversicherung Zuschüsse vom Bund, wobei andere Sozialversicherungen einen weiteren Bedarf mitfinanzieren. Wenn zugleich Milliardenbeträge aus dem zur Verfügung gestellten Leistungstopf nicht ausgeschöpft werden, dann klingt das nicht nach Effizienz. Müssen Leistungen zwischen Kostenträgern hin- und hergeschoben werden, verursacht auch dies zusätzliche Kosten.

Die Ampelkoalition hatte deswegen eine freiwillige und paritätisch finanzierte Vollversicherung in den Koalitionsvertrag aufgenommen. Diese soll die Übernahme der vollständigen Pflegekosten komplett absichern. Eine Kommission aus Experten soll bis zum nächsten Jahr entsprechende Vorschläge erarbeiten. In Anbetracht der Tatsache, dass es dem größten Pflegedienst Deutschlands schon jetzt nicht gut geht, ist jedoch Eile geboten.

Bis zum nächsten Mal und bleiben Sie gesund!

Ihr Team

von CareWork & SHD