Pflegebedürftige verweigern Pflege – was nun?

Seniorin verweigert Pflege

Liebe Leserinnen und Leser!

Wenn Angehörige pflegebedürftig werden, steht die ganze Familie in dieser Situation vor Fragen und Herausforderungen. Der Wunsch der meisten Betroffenen lautet, dass eine Pflege durch Familienangehörige oder Verwandte im eigenen Zuhause stattfindet. Diese Konstellation kann gut funktionieren, aber auch mit schweren Problemen einhergehen: Nicht immer sind die familiären Bindungen und Beziehungen für eine Pflege geeignet. Ungelöste Konflikte, emotionale Distanz oder aber auch noch nicht verarbeitete Streitigkeiten können die Lage für eine dauerhafte Versorgung und Betreuung zusätzlich erschweren. Aber auch ganz profane Gründe wie eine kaum zu überbrückende räumliche Distanz führen zu Schwierigkeiten, wenn es um die häusliche Pflege durch Familienmitglieder geht.

Probleme lauern auf beiden Seiten – viele pflegende Angehörige fühlen sich psychisch oder physisch mit den Belastungen einer Pflege überfordert. Beide Seiten könnten durch die mit der Pflege verbundene körperliche und intime Nähe beim Waschen und der Körperhygiene ein Schamgefühl entwickeln. Gerade in der älteren Generation gehört dies zu den Gründen, warum sich Betroffene lieber von professionellen Pflegekräften des Pflegedienstes helfen lassen möchten.

Pflege von Familienangehörigen: Das sagen die Gesetze

Grundsätzlich ist niemand verpflichtet, die Pflege von Mutter, Vater oder anderen alten oder kranken Familienmitgliedern zu übernehmen. Durch das Grundgesetz wird jedem Menschen im gesetzlichen Rahmen zugebilligt, seine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Kein Gesetz gibt also vor, dass Familienangehörige zur Pflege verpflichtet sind. Genauso müssen aber auch hilfsbedürftige Menschen es nicht dulden, dass sich ihre eigenen Angehörigen um sie kümmern. Geschieht dies trotzdem, könnte der Tatbestand der Nötigung im Raum stehen. Hier greift wieder das im Grundgesetz verankerte Persönlichkeits- und Selbstbestimmungsrecht, wonach die Würde des Menschen unantastbar ist.

Wer entscheidet, wer pflegt und wo gepflegt wird?

Pflegeverweigerung kann zu Problemen führen

Aus rechtlicher Sicht ist es nicht zulässig, jemanden gegen seinen Willen und ohne Einwilligung am Verbleib in der eigenen Wohnung zu hindern. Wer sich nicht daran hält, der kann sich unter Umständen der Freiheitsentziehung strafbar machen. Eine Ausnahme besteht jedoch in der Situation, wenn sich pflegebedürftige Menschen dadurch selbst in Gefahr bringen würden oder ein drohender Schaden an der Gesundheit abgewehrt werden muss.

 In diesen Fällen kann eine Einweisung bzw. Zwangseinweisung in ein Pflegeheim beantragt werden. Hierfür ist eine Genehmigung des Betreuungsgerichts notwendig, das allein über eine stationäre Unterbringung Im Pflegeheim entscheidet. Letztendlich kann keine Mutter, kein Vater, keine Tochter, kein Sohn und auch sonst kein Familienmitglied, Hausarzt oder Bevollmächtigter allein verfügen, ob jemand ins Heim muss.

Es darf also jeder Mensch zunächst ablehnen, in ein Pflege- oder Altenheim umzuziehen. Nur dann, wenn die Aufenthaltsbestimmungsrechte durch das Gericht abgeändert und eine Anordnung für die stationäre Unterbringung vorliegt, wird dieses Recht aufgehoben. Mit einer richterlichen Verfügung dürfen Bevollmächtigte dann auch Mietverträge kündigen und alle organisatorischen Aufgaben übernehmen. Weitere Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten mit der Situation einer Eigen- oder Fremdgefährdung unterliegen anderen Gesetzen.

Wenn Abwehrhaltung und Altersstarrsinn zu Hürden werden

Hilfe- oder pflegebedürftig zu werden kann jeden Menschen in jedem Alter treffen. Eine Pflegebedürftigkeit kann von Geburt an bestehen, ganz unerwartet durch eine Erkrankung wie einen Unfall oder Schlaganfall eintreten oder sich langsam entwickeln, wie es häufig bei Menschen mit Demenz der Fall ist. Manchmal werden Menschen nur vorübergehend pflegebedürftig und erholen sich wieder, während andere ab einem gewissen Zeitpunkt im Leben dauerhaft auf Hilfe und Pflege angewiesen sind.

Auf jeden Fall bedeutet Pflege- und Hilfsbedürftigkeit, dass ein Teil der eigenen Selbstständigkeit verloren gegangen ist. Dies macht jedem Angst, was sich oft durch Frust, Aggressivität, Wut, Altersstarrsinn und Ablehnung äußert. Pflegende Familienangehörige verzweifeln dann, wenn es darum geht, den Betroffenen davon zu überzeugen, Hilfe anzunehmen. Dies gilt unabhängig davon, ob die pflegende Angehörigen oder ein professioneller Pflegedienst die Versorgung übernehmen sollen. Pflege- und hilfsbedürftige Menschen versuchen dann jedoch nicht bewusst, ihre Familienmitglieder zu verletzen, sondern nehmen als alter Mensch eine Abwehrhaltung an, die man sonst nur von sturen Teenagern kennt.

Im Idealfall wird das Gespräch mit dem betreffenden Angehörigen schon früh gesucht, wenn sich die ersten Anzeichen einer Hilfs- und Pflegebedürftigkeit bemerkbar machen. Defizite und der gesundheitliche Zustand sollten vorsichtig mit Mutter, Opa oder anderen Familienmitgliedern – aber niemals vorwurfsvoll – angesprochen werden, damit keine unnötigen Konflikte entstehen. Es gilt, geduldig zuzuhören und die Vorteile einer möglichen Unterstützung im Gespräch zu erwähnen. So kann oft schon herausgefunden werden, wie die Idee vom helfenden Alltagsbegleiter oder Pflegedienst ankommt. Danach sollte dem Familienangehörigen ausreichend Zeit gegeben werden, die Möglichkeiten zu überdenken. Wichtig ist, dass Unsicherheiten im Vorhinein abgebaut werden können. Besteht ein Problem, dann gilt es, Kompromisse zu finden. Solche Gespräche mit alten oder kranken Menschen können viel Einfühlungsvermögen erfordern.

Neben einem hohen Maß an Verständnis und Geduld helfen oft noch ein paar Ratschläge, wie sich alle Beteiligten das Leben in solchen Fällen erleichtern können:

Wechseln Sie doch mal die Perspektive!

Um ein besseres Verständnis für einen hilfsbedürftigen Angehörigen entwickeln zu können, sollten Sie versuchen, sich in ihn hineinzuversetzen. Hilfsbedürftige verspüren automatisch die Angst, ihre Autonomie aufgeben zu müssen und zu verlieren. Hinter jeder wütenden oder aggressiven Aussage steckt genau diese Angst. Wird zum Beispiel der immer schwächer werdende Opa darüber informiert, dass ab sofort alle schweren Einkäufe von einem Alltagsbegleiter übernommen werden, reagiert er schnell ärgerlich und ablehnend. Vermutlich hat der Großvater die Angst, dass er deshalb nicht mehr selbst bestimmen kann, was eingekauft wird. Dies insbesondere dann, wenn er früher gern allein durch die Gänge des Supermarktes gebummelt ist. 

Mit etwas Verständnis für diese Denkweise könnte der Oma vorgeschlagen werden, gemeinsam einzukaufen. Ihr könnte dann aber auch erklärt werden, dass an schlechten Tagen ein Alltagsbegleiter den Einkauf übernimmt, der sich selbstverständlich an ihren Einkaufszettel hält. Ein Perspektivwechsel kann bei der Aufdeckung von Wut, Ablehnung oder Aggression fast immer helfen.

Geduld kann jeder lernen

Dass hilfsbedürftige Angehörige akzeptieren, dass sie Pflege und Unterstützung benötigen, geschieht nicht von heute auf morgen. Jeder Mensch reagiert anders und jeder nimmt das Alter oder Krankheiten anders für sich an. Bei langsam fortschreitenden Erkrankungen kann dies ein schleichender Prozess sein. Dennoch sollten Sie als Tochter, Sohn oder Enkel Ihre Angehörigen nicht dazu drängen oder überreden, eine Entscheidung für einen Hilfs- oder Pflegedienst zu treffen. Sofern alte und pflegebedürftige Angehörige eine Pflege und Hilfe verweigern, könnte in diesen Situationen darauf hingewiesen werden, dass es mit ein wenig Unterstützung vom Pflegedienst oder der Betreuungskraft einfacher gewesen wäre.

Hilfe bedeutet nicht automatisch, dass die Selbstständigkeit von Mutter, Vater oder Großeltern verloren geht. Ganz im Gegenteil kann beispielsweise eine aktivierende Pflege dabei helfen, verschiedene Fähigkeiten und damit auch die Selbstständigkeit zu erhalten und weiter zu fördern.
Und wenn die eigenen Nerven einmal versagen, ist es ratsam, nach Möglichkeit den Raum kurz zu verlassen und durchzuatmen.

Schritt für Schritt

Der Weg zur Akzeptanz der eigenen Hilfsbedürftigkeit ist individuell und variabel. Dies sollte auch bei der Auswahl der jeweiligen Unterstützung berücksichtigt werden. Generell sollten alten und kranken Menschen nicht einfach alles "abgenommen" werden. Was sie alleine noch tun können, das sollten sie auch erledigen dürfen. Dies kann helfen, die noch vorhandenen Fähigkeiten zu festigen. Schritt für Schritt können dann einzelne Aufgaben übernommen oder an Dienstleister übertragen werden.

Mit Senior sprechen bei Verweigerung von Pflege

Hier ist es wichtig, dass zunächst ein Vertrauensverhältnis zu den fremden Menschen aufgebaut werden kann. So kann nach und nach genau die Unterstützung etabliert werden, die für den Erhalt der Lebensqualität erforderlich ist.

Demenz verstehen

Bei Menschen mit Demenz ist bekannt, dass sie nicht zu viele Informationen auf einmal verarbeiten können. Sie sind schnell überfordert. Hier sollte behutsam vorgegangen werden, um Unterstützung in die Alltagsroutine einzubringen. Es könnte zum Beispiel angekündigt werden, dass jemand für einen schönen Spaziergang, ein Gesellschaftsspiel oder ein gemeinsames Essen zu Besuch kommt. So wird die Unterstützung mit positiven Emotionen verknüpft und besser angenommen.

Hilfe für pflegende Angehörige

Kinder, Tanten, Enkel und Familienmitglieder, die hilfsbedürftige Angehörige versorgen, kommen schnell an ihre Grenzen. Hier ist es wichtig, dass man sich Hilfe sucht. Es gibt Foren, Beratungsstellen und Informationsmaterialien, die hilfreiche Tipps & Tricks für den schweren Pflegealltag bereithalten. Oft können auch Einrichtungen und Institutionen wie etwa Pflegedienste, Tagespflege oder Seniorentreffs an Schnuppertagen ein wenig Überzeugungsarbeit leisten.

Es kann sich auch lohnen, Informationen über Alternativkonzepte wie die stundenweise Betreuung für eine zeitweise Unterstützung oder aber die 24 Stunden Betreuung mit Leistungen aus der Hauswirtschaft, Grundpflege und Betreuung einzuholen. Auch diese Unterstützungsmöglichkeiten lassen sich mit Feingefühl und Wohlwollen integrieren.

Bis zum nächsten Mal und bleiben Sie gesund!

Ihr Team
von CareWork & SHD

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